Systematik des Bauordnungsrechts
Das Baurecht ist zweigeteilt. Das Bauplanungsrecht im Baugesetzbuch und in der Baunutzungsverordnung ist Bundesrecht und regelt, was wo gebaut werden darf. Das Bauordnungsrecht in den 16 Landesbauordnungen regelt, wie gebaut wird: Verfahren, Abstandsflächen, Standsicherheit, Brandschutz, Stellplätze, Gestaltung. Dazu kommt Ortsrecht der Gemeinden: Bebauungspläne und örtliche Bauvorschriften wie Gestaltungs- oder Stellplatzsatzungen.
Die Musterbauordnung der Bauministerkonferenz ist kein Gesetz, sondern eine Vorlage, an der sich die Länder orientieren. Daher stimmen Aufbau und viele Begriffe überein, Zahlen und Paragrafen weichen aber ab. Alle Landesbauordnungen schreiben ausdrücklich vor, dass auch verfahrensfreie Vorhaben die öffentlich-rechtlichen Vorschriften einhalten müssen.
Verfahrensarten und gesetzliche Fristen
Für ein Wohnhaus im Geltungsbereich eines Bebauungsplans gibt es in den meisten Ländern eine Genehmigungsfreistellung (in Baden-Württemberg das Kenntnisgabeverfahren, in Brandenburg bis Ende 2026 die Bauanzeige): Die Unterlagen gehen an Gemeinde bzw. Bauaufsicht, nach Ablauf einer Frist darf gebaut werden. Sonst gilt meist das vereinfachte Verfahren, das nur einen Teil der Vorschriften prüft. Das umfassende Verfahren ist in vielen Ländern im Wesentlichen Sonderbauten vorbehalten.
| Land | Freistellung bzw. Kenntnisgabe: Baubeginn | Vereinfachtes Verfahren | Gesetzliche Frist und Fiktion |
|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | § 51: 2 Wochen nach Eingang der vollständigen Unterlagen (§ 59 Abs. 4) | § 52 | Entscheidung binnen 1 Monat (§ 54 Abs. 5); Genehmigungsfiktion nach 3 Monaten (§ 58 Abs. 1a) |
| Bayern | Art. 58: 1 Monat nach Vorlage bei der Gemeinde | Art. 59 | Fiktion für Wohngebäude nach 3 Monaten, Fristbeginn 3 Wochen nach Eingang (Art. 68 Abs. 2) |
| Berlin | § 62: 1 Monat, um 1 Monat verlängerbar | § 63 | Entscheidung binnen 1 Monat, Fiktion (§ 69 Abs. 3, 4) |
| Brandenburg | § 62 Bauanzeige: 1 Monat; ab 01.01.2027 Genehmigungsfreistellung mit 6 Wochen | § 63 | 3 Monate, um 2 verlängerbar, dann Fiktion |
| Bremen | § 62: 1 Monat nach Eingang bei der Gemeinde | § 63 | Entscheidung binnen 12 Wochen (§ 69 Abs. 3), Fiktion (§ 72 Abs. 1a) |
| Hamburg | § 62 für Wohngebäude GK 1 und 2 sowie freistehende GK 3 ohne Tiefgarage: 1 Monat | § 63 | 2 Monate, dann Fiktion (§ 63 Abs. 3) |
| Hessen | § 64: 1 Monat; § 64a für Wohngebäude im Innenbereich bis 31.12.2030 | § 65 | Vollständigkeit 1 Monat (§ 70 Abs. 2); 3 Monate, um 2 verlängerbar, dann Fiktion (§ 65 Abs. 2) |
| Mecklenburg-Vorpommern | § 62: 1 Monat nach Eingang bei der Bauaufsicht | § 63 | 3 Monate, um 1 verlängerbar, dann Fiktion (§ 63 Abs. 2) |
| Niedersachsen | § 62: Baubeginn nach Bestätigung der Gemeinde, die dafür 1 Monat hat | § 63 | Vollständigkeit 3 Wochen (§ 69 Abs. 2); Fiktion nach § 70a für Anträge ab 01.07.2024, die bis 31.12.2026 vollständig sind |
| Nordrhein-Westfalen | § 63: 1 Monat nach Eingang | § 64 | Vollständigkeit 10 Arbeitstage (§ 71 Abs. 1); 6 Wochen im vereinfachten Verfahren, sonst 3 Monate (§ 74 Abs. 2), Fiktion (§ 74 Abs. 3) |
| Rheinland-Pfalz | § 67: 1 Monat nach Eingang bei der Gemeindeverwaltung | § 66 | Vollständigkeit 15 Arbeitstage (§ 65 Abs. 2); 1 bzw. 3 Monate, um bis zu 2 verlängerbar; Fiktion außer im Außenbereich (§ 66 Abs. 5) |
| Saarland | § 63: 1 Monat nach Eingang bei der Gemeinde | § 64 | Vollständigkeit 30 Tage (§ 70 Abs. 1); 10 Wochen, um 1 Monat verlängerbar, Fiktion (§ 64 Abs. 3) |
| Sachsen | § 62: 3 Wochen nach bestätigtem Eingang | § 63 | 3 Monate, um höchstens 2 verlängerbar (§ 69 Abs. 4), Fiktion (§ 69 Abs. 5) |
| Sachsen-Anhalt | § 61: 1 Monat nach Vorlage bei der Gemeinde | § 62 | Vollständigkeit 2 Wochen; 3 Monate, um höchstens 2 verlängerbar (§ 68 Abs. 4); Fiktion über § 42a VwVfG (§ 68 Abs. 5) |
| Schleswig-Holstein | § 62: 1 Monat | § 63 | Fiktion über § 111a LVwG, Fristbeginn 3 Wochen nach Zugang (§ 72 Abs. 1a); Fristlänge steht nicht in der LBO |
| Thüringen | § 64: 1 Monat | § 65 | Vollständigkeit 10 Arbeitstage (§ 75 Abs. 2); 3 Monate, um höchstens 2 verlängerbar, dann Fiktion (§ 65 Abs. 2) |
Stand: geltende Fassungen laut amtlichen Landesrechtsportalen, abgerufen am 20.10.2026. Voraussetzungen der Freistellung (Bebauungsplan, gesicherte Erschließung, keine Ausnahmen oder Befreiungen, kein Widerspruch der Gemeinde) unterscheiden sich im Detail.
Gesetzliche Frist ist nicht Bearbeitungsdauer
Die Fristen sind gesetzliche Höchstfristen. Sie beginnen in der Regel erst, wenn die Unterlagen vollständig sind und die beteiligten Stellen angehört wurden. Fordert die Behörde Unterlagen nach, beginnt die Frist später; die Architektenkammer Baden-Württemberg weist darauf hin, dass die Fiktion dann ins Leere läuft. Wie lange ein Verfahren tatsächlich dauert, hängt von Vollständigkeit, Nachforderungen und örtlicher Auslastung ab und lässt sich aus dem Gesetz nicht ablesen. Die Länderseiten zum Bauantrag gehen auf die Abläufe ein: Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, NRW.
Abstandsflächen
Die Tiefe der Abstandsfläche ist ein Vielfaches der Wandhöhe H, mindestens aber ein festes Maß. Viele Länder lassen vor Gebäuden der Klassen 1 und 2 pauschal 3 m genügen.
| Land | Vorschrift | Tiefe | Mindestmaß | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | § 5 Abs. 7 LBO | 0,4 H; in bestimmten Gebieten 0,2 bzw. 0,125 | 2,50 m | 2 m vor Wänden bis 5 m Breite |
| Bayern | Art. 6 Abs. 5, 5a BayBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | Gemeinden über 250.000 Einwohner: 1 H, vor bis zu zwei Wänden bis 16 m 0,5 H |
| Berlin | § 6 Abs. 5 BauO Bln | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | GK 1 und 2 mit bis zu drei Geschossen: 3 m |
| Brandenburg | § 6 Abs. 5 BbgBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | wie Berlin |
| Bremen | § 6 BremLBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | GK 1 und 2 mit bis zu drei Geschossen: 3 m |
| Hamburg | § 6 Abs. 5 HBauO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 2,50 m | - |
| Hessen | § 6 Abs. 5 HBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 2,50 m | - |
| Mecklenburg-Vorpommern | § 6 Abs. 5 LBauO M-V | GK 1 bis 3: 3 m; GK 4: 4 m; GK 5: 5 m; GE/GI 0,2 H; im Übrigen 0,4 H | 3 m | neu geregelt seit 12.06.2026 |
| Niedersachsen | § 5 Abs. 2 NBauO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | seit 07/2024, vorher 0,5 H |
| Nordrhein-Westfalen | § 6 Abs. 5 BauO NRW | 0,4 H; Kerngebiet 0,25 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | Wohngebäude GK 1 und 2 mit bis zu drei Geschossen: 3 m |
| Rheinland-Pfalz | § 8 Abs. 6 LBauO | 0,4 H; GE/GI 0,25 H | 3 m | - |
| Saarland | § 7 Abs. 5 LBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | Wohngebäude GK 1 und 2: 3 m |
| Sachsen | § 6 Abs. 5 SächsBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | Wohngebäude GK 1 und 2 mit bis zu drei Geschossen: 3 m |
| Sachsen-Anhalt | § 6 Abs. 5 BauO LSA | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | wie Sachsen |
| Schleswig-Holstein | § 6 Abs. 5 LBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | wie Sachsen |
| Thüringen | § 6 Abs. 5 ThürBO | 0,4 H; GE/GI 0,2 H | 3 m | Gebäude GK 1 und 2: 3 m |
Wie H aus Wandhöhe und Dach berechnet wird, zeigt das Beispiel im Glossar Abstandsfläche. Die Regeln für Grenzgaragen und Nebengebäude ohne eigene Abstandsfläche: Carport-Genehmigung.
Verfahrensfreie Vorhaben im Garten
Jede Bauordnung enthält eine Liste von Vorhaben ohne Verfahren. Für die häufigsten Gartenvorhaben gelten diese Grenzen (außerhalb des Außenbereichs):
| Land | Garage, Carport | Gartenhaus | Schwimmbecken | Einfriedung |
|---|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | 50 m², 3 m | 40 m³ | 100 m³ | ohne Höhengrenze |
| Bayern | 50 m², 3 m | 75 m³ | ohne Grenze | 2 m |
| Berlin | 50 m², 3 m | 10 m² | 100 m³ | 2 m |
| Brandenburg | 50 m², 3 m | 75 m³ | 100 m³ als Nebenanlage | 2 m |
| Bremen | 50 m², 3 m | 10 m² (Gerätehaus 12 m²) | 100 m³ | 2 m |
| Hamburg | 50 m², 3 m | 30 m³ | 100 m³ | 2 m |
| Hessen | 50 m² | 30 m³ | 100 m³, 2 m tief | 2 m |
| Mecklenburg-Vorpommern | 40 m², 3 m | 40 m² | 100 m³ | 2 m |
| Niedersachsen | 60 m², 3 m | 75 m³ | 100 m³ | 2 m |
| Nordrhein-Westfalen | 50 m², 3 m | 75 m³ | 100 m³ | 2 m |
| Rheinland-Pfalz | 50 m², 3,20 m | 50 m³ | 100 m³ | ohne Höhengrenze |
| Saarland | 36 m², 3 m | 75 m³ | ohne Grenze | 2 m |
| Sachsen | 50 m², 3 m | 75 m³ | 100 m³ | 2 m |
| Sachsen-Anhalt | 50 m², 3 m | 10 m² | 100 m³ | 2 m |
| Schleswig-Holstein | 50 m², 3 m | 30 m³ | 100 m³ | 2 m |
| Thüringen | 60 m², 3 m | 30 m² | 100 m³ | 2 m |
Fundstellen, Voraussetzungen und Außenbereichsregeln je Land: Carport, Gartenhaus, Pool, Zaun.
Gebäudeklassen
Die Gebäudeklasse steuert vor allem die Brandschutzanforderungen und teils das Verfahren. Die Länder übernehmen die Einteilung der Musterbauordnung weitgehend; der Wortlaut hier folgt § 2 Abs. 3 BauO NRW:
| Klasse | Definition |
|---|---|
| GK 1 | freistehende Gebäude bis 7 m Höhe mit höchstens zwei Nutzungseinheiten von zusammen höchstens 400 m²; land- oder forstwirtschaftlich genutzte Gebäude |
| GK 2 | Gebäude bis 7 m Höhe mit höchstens zwei Nutzungseinheiten von zusammen höchstens 400 m² (also auch Doppel- und Reihenhäuser) |
| GK 3 | sonstige Gebäude bis 7 m Höhe |
| GK 4 | Gebäude bis 13 m Höhe mit Nutzungseinheiten von jeweils höchstens 400 m² in einem Geschoss |
| GK 5 | sonstige Gebäude einschließlich unterirdischer Gebäude |
Höhe ist dabei die Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich ist, über der Geländeoberfläche im Mittel, nicht die Firsthöhe. Ein freistehendes Einfamilienhaus fällt meist in GK 1, eine Doppelhaushälfte in GK 2.
Praxis-Hinweise
- Geltende Fassung nehmen: Mehrere Länder haben 2025 und 2026 ihre Bauordnungen geändert, darunter Hamburg (Neufassung 2025), Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und NRW (beide 2026). Die amtlichen Landesrechtsportale zeigen die geltende Fassung.
- Ortsrecht prüfen: Bebauungsplan und örtliche Bauvorschriften gehen in ihrem Regelungsbereich den allgemeinen Maßen vor, etwa bei Einfriedungen, Dachformen oder Abstandsflächen (Bayern: Art. 6 Abs. 5 Satz 2 BayBO).
- Verfahrensfrei ist nicht regelfrei: Wer ohne nötige Genehmigung baut, riskiert eine Beseitigungsanordnung, für die die Bauordnungen keine Frist nennen (Bayern: Art. 76 BayBO), und ein Bußgeld.
- Vorab fragen: Zweifel zur Einordnung klärt die untere Bauaufsichtsbehörde; verbindlich wird eine Auskunft über einen Vorbescheid.
Verwandte Themen
FAQ - Landesbauordnung
Was regelt die Landesbauordnung?
Wie unterscheiden sich die Landesbauordnungen?
Gibt es eine Genehmigungsfiktion?
Welche LBO gilt für mein Bauvorhaben?
Brauche ich für eine Garage immer einen Bauantrag?
Der unabhängige Hausbau-Ratgeber für private Bauherren in Deutschland. Recherchiert aus Primärquellen, ergänzt durch eigene Bauerfahrung. Mehr über die Redaktion →